Digitalisierung der Pflege: Wie digitale Werkzeuge den Alltag verändern

Die Digitalisierung der Pflege hat die Pilotphase hinter sich und prägt inzwischen Abläufe in Heimen, ambulanten Diensten und Kliniken. Welche Werkzeuge dabei zählen und wo es noch hakt, zeigt ein genauerer Blick.

Pflegekraft zeigt einer älteren Patientin die digitale Pflegedokumentation auf einem Tablet in einer modernen Pflegeeinrichtung.Wer an Pflege denkt, hat meist Menschen vor Augen, die sich um andere kümmern. Dokumentation, Absprachen mit Arztpraxen und die Abrechnung mit den Kassen gehören aber ebenso fest zum Berufsalltag. Ein großer Teil dieser Arbeit lief lange über Papier, Fax und Telefon. Inzwischen übernehmen digitale Werkzeuge viele dieser Aufgaben, etwa eine Pflegesoftware, die Dokumentation, Planung und Abrechnung an einem Ort zusammenführt. Für Medizinstudierende ist das Thema keineswegs fern. Spätestens im Pflegepraktikum, in der Famulatur oder im Praktischen Jahr zeigt sich, wie eng ärztliche und pflegerische Arbeit miteinander verzahnt sind.

Warum die Digitalisierung der Pflege Fahrt aufnimmt

Die Pflege gehört zu den Bereichen des Gesundheitswesens, in denen digitale Technik vergleichsweise spät angekommen ist. Der Gesetzgeber hat deshalb in den vergangenen Jahren mehrere Weichen gestellt. Mit dem Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege wurde 2021 der Weg für digitale Pflegeanwendungen geebnet. Gemeint sind etwa Apps zur Sturzprävention oder zum Gedächtnistraining.

Anbindung an Telematikinfrastruktur verpflichtend

Seit Anfang 2024 arbeitet zudem ein Kompetenzzentrum Digitalisierung und Pflege beim GKV-Spitzenverband. Es soll Einrichtungen, Pflegekräfte und Pflegebedürftige bei der Auswahl und Nutzung digitaler Technik unterstützen. Der wohl wichtigste Einschnitt folgte im Juli 2025. Seitdem müssen ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen an die Telematikinfrastruktur angebunden sein, das gesicherte Datennetz des deutschen Gesundheitswesens. Hinzu kommt der anhaltende Personalmangel. Jede Minute, die nicht in Formularen oder Telefonschleifen verloren geht, steht für die direkte Versorgung zur Verfügung.

Wo die Digitalisierung der Pflege im Alltag ankommt

Im Arbeitsalltag zeigt sich der Wandel an mehreren Stellen zugleich. Einige davon betreffen die Kommunikation nach außen, andere die interne Organisation einer Einrichtung oder die Versorgung zu Hause.

Telematikinfrastruktur als gemeinsames Datennetz

Die Telematikinfrastruktur, kurz TI, verbindet Arztpraxen, Kliniken, Apotheken, Krankenkassen und nun auch Pflegeeinrichtungen. Der Zugang erfolgt über einen elektronischen Institutionsausweis und zugelassene Technik.

Über die TI stehen der Pflege verschiedene Anwendungen offen:

  • KIM (Kommunikation im Medizinwesen) als sicherer E-Mail-Dienst für Befunde, Arztbriefe oder Rezeptanforderungen
  • die elektronische Patientenakte (ePA) mit Zugriff auf relevante Behandlungsdaten
  • das E-Rezept, das Wege zwischen Praxis, Apotheke und Einrichtung verkürzt
  • der TI-Messenger für einen schnellen und geschützten Austausch

Besonders hilfreich ist die elektronische Medikationsliste in der ePA. Sie bietet Pflegekräften mit entsprechender Zugriffsberechtigung einen Überblick über verordnete und eingelöste E-Rezepte. Ein ergänzender digitaler Medikationsplan soll die Informationen künftig erweitern.

Dokumentation, Dienstplanung und Abrechnung

Mindestens ebenso spürbar ist der Wandel innerhalb der Einrichtungen. Digitale Pflegedokumentation ersetzt dicke Ordner, Einträge bleiben lesbar und stehen berechtigten Kolleginnen und Kollegen sofort zur Verfügung. Auch Dienstpläne und Touren für ambulante Dienste lassen sich digital erstellen und bei Ausfällen schneller anpassen. Mobile Apps erlauben es, erbrachte Leistungen direkt beim Hausbesuch zu erfassen. Bei der Abrechnung mit Kranken- und Pflegekassen helfen automatische Prüfungen, Fehler schon vor dem Versand zu erkennen. Das erspart Rückfragen und beugt verzögerten Zahlungen vor.

Digitale Pflegeanwendungen für Pflegebedürftige

Nicht nur Fachkräfte profitieren von der Entwicklung. Pflegebedürftige haben seit dem Modernisierungsgesetz von 2021 Anspruch auf digitale Pflegeanwendungen, kurz DiPA, die in ein offizielles Verzeichnis aufgenommen wurden. Ambulante Pflegedienste können die Nutzung solcher Anwendungen begleiten und unterstützen. Im Versorgungsalltag spielen sie bislang allerdings nur eine kleine Rolle.

Hürden bei der Digitalisierung der Pflege

Trotz klarer Vorgaben verläuft der Wandel nicht überall reibungslos. Eine Auswertung der DAK-Gesundheit vom Herbst 2025 ergab, dass die Mehrheit der Pflegeeinrichtungen trotz Pflicht noch nicht an die TI angeschlossen war. Als Gründe gelten unter anderem die technische und organisatorische Komplexität sowie knappe Personalressourcen. Zudem braucht der Austausch per KIM Praxen und Kliniken, die den Dienst ebenfalls aktiv nutzen. Für angehende Ärztinnen und Ärzte ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Wer schon im Pflegepraktikum im Medizinstudium erlebt, wie viel Zeit Rückfragen kosten, erkennt den Wert gut abgestimmter digitaler Kommunikationswege.

Ausblick: Was die kommenden Jahre bringen dürften

Die technische Grundlage ist gelegt, nun rückt der Nutzen im Alltag in den Mittelpunkt. Dabei zeichnen sich vor allem zwei Entwicklungen ab.

Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg

Je mehr Praxen, Kliniken und Apotheken die TI-Anwendungen tatsächlich nutzen, desto größer wird der Gewinn für die Pflege. Arztbriefe, Medikationsdaten und Rezepte könnten dann ohne Medienbruch fließen. Auch die Überleitung von der Klinik in die ambulante Versorgung oder ins Pflegeheim dürfte davon profitieren. Gerade an diesen Übergängen ist ein lückenloser Informationsfluss besonders wichtig.

Beteiligung der Beschäftigten als Erfolgsfaktor

Ob Technik entlastet oder zusätzlich belastet, hängt stark von ihrer Einführung ab. Bei einem Werkstattgespräch unter dem Titel „Pflege digital entlasten“ galt die frühe Einbindung der Beschäftigten als zentraler Punkt.

Aus den dort gesammelten Erfahrungen lassen sich einige Grundsätze ableiten:

  • Pflegekräfte frühzeitig in Auswahl und Test neuer Systeme einbeziehen
  • eine stabile Grundausstattung wie WLAN und passende Endgeräte sicherstellen
  • Erprobungsphasen einplanen, bevor ein System flächendeckend startet
  • Schulungen anbieten, gerne auch im kollegialen Austausch

Für die Finanzierung stehen Fördermittel der Pflegeversicherung bereit, etwa für digitale Ausstattung. Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass diese Mittel bislang häufig nicht ausgeschöpft werden.

Fazit: Technik mit spürbarem Nutzen

Die Digitalisierung der Pflege ist mit der verpflichtenden TI-Anbindung in eine neue Phase eingetreten. Die Grundlagen stehen, der volle Nutzen zeigt sich jedoch erst, wenn alle Beteiligten die neuen Wege auch gehen. Digitale Dokumentation, sichere Kommunikation und durchdachte Software können Pflegekräften Zeit für die direkte Versorgung zurückgeben. Entscheidend bleibt, dass sich die Technik nach den Abläufen der Menschen richtet und nicht umgekehrt.

Für die Medizin bedeutet das: Gute Zusammenarbeit mit der Pflege wird zunehmend auch eine Frage gemeinsamer digitaler Werkzeuge.

Bild: KI-generiert

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