Der Weg zum Doktor der Medizin (4): Der praktische Teil

Angelina Bockelbrink gibt ihr Wissen und ihre Erfahrung im Bereich der medizinischen Wissenschaft an junge Mediziner weiter.Angelina Bockelbrink ist promovierte Medizinerin, Epidemiologin, Dozentin und Autorin. Sie hat viele Jahre in der universitären Wissenschaft gearbeitet, gelehrt und Doktoranden betreut. Als ganzheitlicher Wissenschaftscoach unterstützt und begleitet sie MedizinerInnen beim Einstieg ins wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben.


Viele Doktoranden stehen während des praktischen Teils ihrer Doktorarbeit im Labor.„Ich kann heute nicht, muss erst nach meinen Zellreihen sehen“, „meine Patientin von gestern Abend hat schon die Einverständniserklärung ausgefüllt“, „Mist, meine Kulturen sind schon wieder kontaminiert“. Je länger das Studium dauert, besonders merklich nach dem Physikum, desto wichtiger und auch präsenter wird das Thema „Doktorarbeit“ für viele Studierende. Manche sind schon mitten dabei und erzählen zu jeder sich bietenden Gelegenheit darüber, andere sind noch auf der Suche und die Dritten wollen eigentlich (noch) gar nicht promovieren, können sich der Thematik dennoch nicht entziehen.

Den praktischen Teil der Doktorarbeit bereits während des Studiums zu beginnen und möglichst auch abzuschließen ist sehr üblich, bringt einige Vorteile mit sich und gibt den Promovierenden erstmals die Möglichkeit richtig tief in eine Thematik einzutauchen. Entsprechend intensiv und aufregend empfinden die meisten diese Zeit, wobei die zeitliche und teilweise auch emotionale Belastung nicht unterschätzt werden sollte.

Der zeitliche Rahmen einer Doktorarbeit

Wenn alle Vorarbeiten abgeschlossen, die Methoden und Vorgehensweisen abgestimmt, die Gelder da und die Einweisungen durchgeführt sind, kann es endlich richtig losgehen. Und dann beginnt auch schon der Stress. Natürlich gibt es die eine oder andere Arbeit, deren praktischer Teil sich innerhalb weniger Wochen erledigen lässt, für die meisten solltest du aber eher mit mehreren Monaten rechnen.

Bei reinen Literaturarbeiten bist du weitgehend autonom, die kannst du völlig nach deinem eigenen Zeitplan durchführen und musst dich nur mit deinem Betreuer manchmal abstimmen. Manche Doktorarbeiten, vor allem in der Grundlagenforschung kann man gut nachmittags und abends nach den Vorlesungen und Seminaren erledigen. Wer aber auf persönlichen Kontakt mit Patienten angewiesen ist, der muss sich sehr stark an die klinischen Gegebenheiten anpassen und wenn du mit gesunden Probanden arbeitest, musst du Zeit für sie finden außerhalb deren Arbeits- und Familienzeit. In einigen Fällen bietet es sich daher an, den Hauptteil der Arbeit in die Semesterferien zu legen, wenn das möglich ist.

Wie sieht der Zeitplan aus

Bei Laborarbeiten ist es manchmal erforderlich zuverlässig jeden Tag zur gleichen Zeit anwesend zu sein und bestimmte Tätigkeiten durchzuführen. Und selbst wenn einige Routineaufgaben durch Hilfspersonal erledigt werden, so ist es meist doch nötig regelmäßig in kurzen Abständen die eigenen Versuchsreihen anzusehen, zu überprüfen, neu anzusetzen und auszuwerten.

Wie so oft hilft auch bei einer Promotion ein durchdachter Zeitplan.Manche klinischen Studien laufen sehr kompakt und geballt ab, so dass eine ganztägige Tätigkeit durch die Doktoranden erwartet wird. Für andere ist man auf ganz spezielle Patienten mit seltenen Erkrankungen oder ungewöhnlichen Befundkonstellationen angewiesen, sodass ein Doktorand lange Zeit auf Standby steht, um dann mit kurzer Vorlaufzeit und völlig unerwartet sofort reagieren zu müssen. So oder so bist du sicher gut beraten, wenn du dich vorher schon mal über den Zeitplan informiert hast und den ganzen zeitlichen Ablauf grob durchgegangen bist, sodass du eine Vorstellung davon entwickeln konntest, wie und unter welchen Voraussetzungen du die Arbeit in dein Leben und dein Studium integrieren kannst. In vielen Fälle ist es sogar möglich selbst Einfluss auf den Zeitplan zu nehmen.

Lass dich besser nicht einfach überraschen, das kann ziemlich böse ausgehen, vor allem wenn du für deinen Lebensunterhalt arbeiten gehen musst oder wenn wichtige bzw. schwierige Prüfungen anstehen.

Arbeitsteilung im Forschungsteam

Nicht nur aus zeitlichen Gründen ist es sehr hilfreich in ein Forschungsteam eingebunden zu sein, in dem einzelne Aufgaben delegiert und abgegeben werden können. Doktoranden können sich Aufgaben teilen und gegenseitig übertragen, da eine Doktorarbeit keinesfalls erfordert, dass man alle einzelnen Untersuchungen selbst durchgeführt hat. Worauf es ankommt, ist der Nachweis der wissenschaftlichen Befähigung, der durch die eigenständige Bearbeitung der Fragestellung erbracht wird.

Besonders hilfreich ist häufig die Zuarbeit durch nicht-wissenschaftliches Personal wie MTAs und Study Nurses. Sie erledigen wiederkehrende Routineaufgaben, haben aber auch oft den besten Überblick über anstehende Ereignisse und mögliche Schwierigkeiten, die auftreten könnten. Eine gute Study Nurse oder PTA ist ein kompetenter Ansprechpartner zu vielen Fragen, die sich im Laufe der Arbeit ergeben.

In einem Forschungsteam kann man sich gegenseitig unterstützen.Sei dir aber jederzeit bewusst, dass jeder Einzelne noch andere Verpflichtungen zu erfüllen hat und betrachte die Unterstützung, die du bekommst, keinesfalls als Selbstverständlichkeit. Zeige dich dankbar und bescheiden und gehe auch mit deiner Hilfe sehr großzügig um. Du hast eine Menge Möglichkeiten Einfluss auf das Arbeitsklima zu nehmen, also nutze sie weise. Auch wenn du es am Anfang noch nicht einschätzen kannst, wirst du dir die Kooperationsbereitschaft anderer Teammitglieder keinesfalls verspielen wollen.

Erwarte das Unerwartete

Du hast alles genau durchgeplant und im Anschluss an deine Experimente bleibt genau noch genug Zeit für deine Prüfungsvorbereitung? Vorsicht! Es gibt so viele Möglichkeiten, dass etwas nicht so läuft wie geplant: ein Versuch geht schief, es ist jemand krank oder verhindert, irgendwelche Abläufe dauern länger als gedacht oder es kommt einfach etwas anderes dazwischen. Eigentlich ist es mehr die Regel denn die Ausnahme, dass es bei Studien und damit auch bei den praktischen Anteilen von Doktorarbeiten zu Verzögerungen kommt. Ich kenne kaum jemanden, der genau in seinem Zeitplan geblieben ist. Deshalb tu dir selbst den Gefallen und plane nicht zu knapp. Nimm dir die Zeit, die erforderlich ist, ganz bewusst, sonst gerätst du in extrem unangenehmen Stress. Und solltest du deinen Puffer wirklich nicht brauchen, wird dir dennoch nicht die Arbeit ausgehen. Denn mit dem Abschuss der Versuche, Experimente, Befragungen, usw. ist die Doktorarbeit ja noch keinesfalls fertig.

Nutze Synergien

Allgemein gilt, dass sicher mehr Aufgaben auf dich warten, als du anfangs zu sehen bekommst. Das reicht von administrativen Tätigkeiten und Dokumentation über Vorbereitung von Vorträgen, Abstracts und Papers bis zur eigentlichen Schreibarbeit für die Promotion selber. Schon allein dafür solltest du etwas Luft in deinen Planungen und deinen Tagen lassen.

Gleichzeitig kannst du das auch für dich nutzen. Mit der Dokumentation und jedem Schriftstück, das du erstellst, hast du auch schon einen Teil für deine Doktorarbeit geschrieben. Sammle alles und schreibe es idealerweise gleich zu einem Dokument zusammen, dann sparst du dir später einiges an Arbeit.

Wenn man Glück hat, kann man während einer Famulatur auch etwas an seiner Promotion arbeiten.Auch an anderer Stelle kannst du Synergien nutzen. So kannst du dich zum Beispiel um eine Famulatur bemühen auf der Station oder in dem Labor, indem du eh viel deiner Zeit verbringst für deine Promotion. Dafür solltest du als Famulant durchaus bereit sein Leistung zu erbringen, was aber in vielen Fällen gar nicht schwierig ist, weil du dich schon von Beginn der Famulatur an recht gut auskennst und die Doktorarbeit vielfach eine Menge Leerlaufzeit lässt. Je besser deine Doktorarbeit zu deinen Interessen und Vorlieben passt, desto mehr Bereiche wird es geben, in denen du die Beschäftigung mit Doktorarbeitsthemen für dich und dein Fortkommen nutzen kannst.

Zusammenfassung

Der praktische Teil der Doktorarbeit ist für viele Promovierende eine Herausforderung und gleichzeitig ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Zeit für die Doktorarbeit tritt in Konkurrenz zur Studienzeit. Deshalb ist es so wichtig, sich bewusst mit dem Zeitplan und auch der Arbeitsaufteilung zu befassen, weil sonst schnell Lernen und Prüfungsvorbereitung, aber auch Praktika zu kurz kommen können.

Bilder: unsplash.com

2 Replies to “Der Weg zum Doktor der Medizin (4): Der praktische Teil”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*